Polittouristen auf St. Pauli

Tag 3 beim Volksbegehren Hamburg 2007: Am nächsten Morgen fällt mir das Aufstehen ein bisschen zu schwer. Das Kampagnen-Rauchen und mehrere in Bier ertränkte Kickerniederlagen gegen die Ramones (beide Gegenspielerinnen hörten auf den Namen Ramona) haben ihre Spuren hinterlassen.

Kurt, Mitarbeiter des Omnibus für direkte Demokratie in Deutschland und Organisator unseres Camps im Instant Sleep, ist unzufrieden. Trotz aller Bemühungen gestern gab es ein schlechtes Ergebnis. Die Zahl der von uns eingesammelten Briefwahlanträge lag nicht weit über 300.

Wir machen uns auf den Weg nach St. Pauli. Fußball. Im Hostel hatte ich am Vorabend noch eine Verstärkung abgegriffen: Shannon, eine Amerikanerin aus Oregon. Sie studiert Photographie; da werde ich sofort neidisch. Gerade ist sie acht Monate auf Tour in „Old Europe“. Sie ist nett, offen und kommt mit. Fußball, davon habe ich sie schnell überzeugt, ist lebendige europäische Kultur. Somit kommt die weitgereisteste Politiktouristin aus den USA.

Fußball brutal

Der Fußball zeigt sich erst mal von seiner brutalen Seite. Direkt an der U-Bahn stehen zwei Wasserwerfer, eine Hundestaffel und eine Hundertschaft Polizei. Ein Aufmarsch, wie er im Ruhrgebiet nicht mal bei Dortmund gegen Schalke zu sehen ist. Die Polizei ist nervös wegen der Ausschreitungen in Leipzig vor einigen Tagen. Ich wäre auch nervös, wenn meine Kollegen mit Ziegelsteinen beworfen worden wären. Ein Polizist erklärt mir die Handlungslogik: Das Aufgebot muss so groß sein, das es alle abschreckt. OK. Verstanden. Alles ist ruhig, eine Lautsprecher-Durchsage erscheint deswegen reichlich übertrieben: Es wird gedroht, beim geringsten Anlass umgehend Wasserwerfer einzusetzen.

Die Lübecker, angeblich rechts auf jeden Fall „Lokalrivalen“, werden von einem Polizeikordon empfangen und direkt abgeführt in den Fanblock. Der ist diesmal auf der gleichen Seite des Stadion wie die Pauli-Fans. Denn das Stadion wird renoviert. Deswegen gibt es auch keine Karten mehr.

2007-02-17-vb-hamburg-st-pauli-sammlung

Fußball faszinierend

Wir stehen an der U-Bahn und Shannon sammelt recht erfolgreich – wenn man bedenkt, dass sie gar kein Deutsch kann. Unsere Idee hatte ich ihr gestern erklärt und offenbar genug Begeisterung entfacht. Einige Leute kommen auf sie zu, ihr Sandwich zeichnet sie weithin sichtbar als Sammlerin aus. Viele sind froh, endlich jemanden zu haben, bei dem Sie die Briefwahlunterlagen beantragen können. Ein jeder stellt die Standard-Frage, die Shannon elegant beantwortet:  Den Wievielten haben wir heute? SIEBSEHNTA hat sich dafür lautmalerisch auf die Hand geschrieben. Weitergehende Fragen übernehme ich und erzähle jedem, dass es erst der Antrag auf die Briefwahl ist. Und erzähle unaufgefordert unsere Herkunft: Ich hoffe, dass die Geschichte im Gedächtnis bleibt und die Menschen die Unterlagen dann rechtzeitig zurückschicken; unsere Sammlung ist nur die halbe Miete.

Wir stehen mittlerweile am Eingang des Stadions. Die Mannschaftsaufstellung wird verlesen, Ich werde unruhig. Ich will rein! Ein Mann unterschreibt in aller Eile, er hat sogar eine Dauerkarte über. Keine Frage, die hat sich Shanon verdient: Und so kommt sie in den Genuss ihres ersten Fußballspiels. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es kein Spiel des VfLs ist. Der hat hier zuletzt 0:6 verloren. Verdammt.

Beim Weitergehen treffe ich eine der Ramonas und Stefan. Sie haben echt gut gesammelt, sie hat am Ende mehr als 70 Unterschriften (ich habe es trotz der amerikanischen Unterstützung nicht weit über 25 gebracht). Der Sammelerfolg ist nicht abhängig vom Ort, Zeit oder Wetter, sondern allein von der Ausstrahlung des Sammlers. Da Ramona alle mit der gleichen herzerfrischenden Fröhlichkeit anspricht, mit der sich mich beim Kickern düpiert, unterschreiben die Leute halt. So ein Mist. Wenn ich nicht endlich mit dem Kicker im Hostel besser umgehen lerne, wird das nichts mehr dem Sammeln.

Im Hostel treffe ich auch Shannon wieder, die mir ein fröhliches „We won“ entgegenruft. Gestern haben hatte sie von Fußball noch fast nichts und vom FC St. Pauli rein gar nichts gewusst. Nach dem Spiel spricht sie in der „Wir-Form“. Fußball ist schön – er weckt Emotionen. Mein Tag war erfolgreich. Die Sammlung kommt in ihre Spaßphase.

Kampagnen-Erotik

Das Herz der direkten Demokratie. In diesem Tagen schlägt es kraftvoll, bebend, ungestüm. So manches Mal ist sein Puls schwach, kaum spürbar, langsam, nur wenige Schläge in der Minute. Wie im Winterschlaf. Auf Sitzungen von Gremien und Parlamenten scheint es manchmal ganz still zustehen. Hier, in diesen Tagen, schlägt es jedoch wild, rast, treibt an. Wie beim Liebesspiel. Genauso schön, genauso flüchtig.

Der Text wurde ursprünglich in leicht anderer Form auf dem taz-blog veröffentlicht. 17.2.2007

März 2014: Die Stadtoberen von Hamburg greifen das Wahlrecht an und das Bündnis „Faires Wahlrecht – Jede Stimme zählt“ will es retten. Zeit ist bis zum 17. März 2014. Es gibt ein Aktionscamp für die Unterschriftensammlung zum ersten fakultativen Referendum in Deutschland. Weitere Infos: http://hh.mehr-demokratie.de

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