Kölner Impro-Stern: Ben bricht gefühlvoll die Regeln

Impro – das kann großes Gefühl, Hilfestellung und freier Umgang mit Regeln sein. Und manchmal ist es einfach Comedy zum Ablachen. Beim Impro-Stern, der Abschlussshow des Kölner Impro-Festivals, trafen diese Welten aufeinander. Am Ende setzte Ben Hartwig das Motto „F**k the rules“ wunderbar um. Das Publikum belohnte es nicht.

Alljährlich treten in Köln einige der renommiertesten Vertreter der Zunft gegeneinander an. Die Regeln: In jeder Runde steht jeder einmal auf der Bühne und spielt mit zufällig ausgelosten Partnern eine Szene. Das Publikum vergibt dafür Punkte – alle Beteiligten bekommen gleich viele. Bei den beiden Zwischenwertungen scheidet jeweils die Hälfte der Spieler aus, bis am Ende drei übrig bleiben. Im abschließenden Stechen spielen diese solo einen inneren Monolog, der in einem Lied enden soll.

Diesmal war Ben in der letzten Runde. Es war sein zweiter Auftritt beim Impro-Stern. Bereits 2010 wurde er noch am Vorabend dieser Veranstaltung in einer Show vom Publikum zum „Liebling“ gewählt und durfte deswegen als Laie unter den Profis antreten. Und ich weiß, warum er damals so viel Applaus bekam: Er hat in vielen Szenen seinen Mitspielern geholfen. Ich muss es wissen, denn ich stand damals mit ihm auf der Bühne.

Inzwischen ist einiges Wasser den Rhein heruntergeflossen und Ben spielt unter den Großen. Auch 2013 hilft er bei Szenen mit, auch wenn ihn das Los gar nicht dazu bestimmt hat. Mithin bringt er Szenen voran, ohne von den Punkten zu profitieren. Wunderbar ist sein Einsatz als Knopf in einem Fahrstuhl, mit dem einen Pärchen den Strom an- und abschalten kann – je nachdem wie weit ihr Streit gediehen ist. Das Publikum verlangt am Ende nach einem Extra-Punkt, den die Jury regelkonform verweigert. Ben bekommt ihn erst später für seine Aufführung eines „Kinksi-Zombies“. Und auch im Stechen hilft Ben dezent und führt am Ende als Polizist den fischdosenfixierten Reggaesänger Dave Luza ab.

Sex und andere große Gefühle
Außerdem wirkt Ben an Szenen mit, bei denen große Gefühle auf die Bühne kommen. So in einer Vater-und-Sohn-Nummer mit Dave. Der verzweifelte dachdeckende Vater fühlt sich vom puppenspielenden Sohn allein gelassen; dieser wiederum fühlt sich nicht angenommen. Es knistert auf der Bühne: Wie normal muss man sein?

Es gibt natürlich viele weitere Spitzenleistungen in den Szenen ohne Ben. Wirklich schön waren die Fische im Aquarium, in dem sich der Neue gleich als Führer aufspielt: Nach einem Ausbruch finden sich die drei Fische am Ende statt im ersehnten Meers auf dem Teppichboden wieder und drohen qualvoll einzugehen. Die Bewegungen, der Gesang, die Statuswechsel: alles einfach toll. Und unschlagbar ist der Daves Reggae am Ende, mit dem er souverän den Titel abräumt. Großartige Momente. Einen Dank an die Organisatoren von Clamotta, die das möglich machen.

Für mich waren das die Höhepunkte beim Impro-Stern. Bei dem es auch Schatten gibt. Der zweite Teil der Show beginnt mit Filmszenen, die dann zwei Spieler weiterspielen. Zwei von drei Episoden enden mit Sex. Wie gewagt. Und auch einer der inneren Monologe beschäftigt sich – hört, hört – mit den sekundären Geschlechtsorganen der Nachbarin. Das ist vorhersehbar. Das ist Comedy. Es ist, das sei gesagt, das Ziel der Veranstaltung. Es wird erreicht. Bis Ben für die letzte Nummer die Bühne tritt.

Darf er das?
Für seine letzte Nummer bekommt er von einer Frau aus dem Publikum die Vorgabe: Nasepoppeln. Zum sichtbaren Entsetzen von Moderatorin Eva Thiel holt er die Frau auf die Bühne. Er kündigt an, ihr zu zeigen, was solche Vorgaben für Impro-Spieler bedeuten – und scheitert dabei. Er scheitert groß und fröhlich. Er scheitert mit Sentenzen wie „Menschen sind Bücher; schau immer auf den letzten Satz, auf den kommt es an.“ Freilich stimmt das nicht. Denn das Leben ist wie Impro und über keinen von uns ist der letzte Satz schon geschrieben. Zum Glück.

Ben nimmt in seiner Nummer die losen Enden aus den Szenen des Abends auf – so rettet er die Fische, indem er sie vom Teppich in die Vase befördert. Am Abschluss tanzt er mit der frechen Vorgabengeberin auf der Bühne. Bereits zuvor war sie ohnehin sehr aktiv und die beiden haben mit Gesten kommuniziert.

Nach der Szene weisen die Jury und Eva Thiel übertrieben deutlich darauf hin, dass es sich nicht um einen inneren Monolog gehandelt habe. Denn es ist natürlich ganz schlimm, wenn ein Impro-Spieler die Regeln verletzt. Dabei war es ein wunderbarer Impro-Moment, und es war ein Scheitern, und für diese Szene hat Ben diesen Stern wirklich nicht verdient. Abschließend stellt sich die Frage: Darf ein Impro-Spieler die Regeln brechen? Nun, es gibt Momente, wo er es sogar muss: „F++k the rules“.

2 Antworten zu “Kölner Impro-Stern: Ben bricht gefühlvoll die Regeln

  1. Ach, wie einfach ist es, sich hinzusetzen und Improvistionstheater zu kritisieren. Man befindet sich dazu meist in einer entspannten Situation und urteilt über die Leistungen, derer, die angetreten sind im Eifer des Gefechts kreativ, ad hoc aus dem Nichts wunderbares inspirierendes zu entwerfen. Das dies von aussen immer leichter aussieht als es dann wirklich ist liegt in der Natur der Sache. Hier nun wird die Leistung eines Abends rezensiert, den die Hälfte der Spieler völlig erschöpft nach drei Tagen Workshop und abendlichen Shows absolviert haben. Ich halte von dieserlei Begutachtung wenig wenn nicht gar nichts, da hier weder die Dynamik noch die Vorgaben noch der Fakt einbezogen wird, dass es sich um ein Wettstreit handelte, den natürlich keiner so Ernst nimmt, denn es geht ja nur um eine gute Show, aber niemand vollkommen ignorieren kann.
    In einem möchte ich dem Verfasser zustimmen. Die letzte Nummer von Ben war in der Tat sehr berührend und großartig und hat verdient hervorgehoben zu werden.
    Aber auch Szenen aus dem Replay, ich erinnere nur an die undankbare Aufgabe, eine Szene zu vertanzen, welche so großartig bewältigt wurde waren Highlights des sich behaupten im Versuch, auch absurdeste Vorgaben unterhaltsam zu lösen.
    Möchte man Leistungen von Kollegen bewerten, sollte man sich die Mühe machen, sich einen umfassenderen Eindruck der Spieler zu gewinnen. und dazu ist sicher der Maestro nicht das beste Format.

  2. Pingback: Impro: Glenn Hall wirft Boomerang in Köln | Ansichtssache

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