Sea and Air: handgemachte Musik, die Schränke füllt

Wenn wir über Musik reden, bemühen wir oft krude Vergleiche. Und wir sortieren Bands einfältig in Schubladen, auf denen so putzige Begriffe wie Trip-Hop oder Thrash-Metal stehen. Der Vielfalt der Klänge und vor allem Ausnahmekünstlern werden wir so freilich nicht gerecht.

Die Band „Sea and Air“ ist einer meiner Zufallsfunde. Ich hatte sie in der Sendung „Inas Nacht“ gesehen. Wobei der angekündigte Titel „Heart of the Rainbow“ nach eher belanglosem Pop klang. Als jedoch ein Cembalo von der Security in die Kneipe getragen wurde, war ich sofort hellwach. Wer spielt denn heutzutage auf so etwas? Warum so umständlich? Jedem Keyboard lassen sich auf Knopfdruck ähnliche Töne entlocken. Und dann kam in der Mitte des Liedes ein Tempowechsel, der mich begeisterte. Da machen zwei mit Herz und Haaren Musik. Da die Band auf Tour war, habe ich mir direkt mal ein Ticket gekauft. Das ist ein gutes Management, das Tour- und TV-Auftritte so sinnvoll zu verbinden vermag.

Kläglich gescheitert bin ich dann bei dem Versuch, den Bürokollegen meine Begeisterung zu erklären. Die waren neugierig, wussten sie doch, dass ich nur alle paar Jahre mal auf ein Konzert gehe, denn da fallen mir einfach zu wenig Tore. Die anderen fragten, was denn für Musik sei. „Es klingt wie Portishead, nur ohne Elektronik.“ Die Erklärung fiel nicht auf Gegenliebe. Man müsse die Musik schon besser beschreiben können. Sonst dränge sich der Verdacht auf, dass die Vorliebe für eine Band gar nicht auf der Qualität der Musik beruhe, sondern nur auf den Gefühlen und Erinnerungen, die man damit verbindet.

Im Klartext soll das wohl heißen: Wer die Musik nicht in die richtige Schublade sortieren kann, der hat einen Musikgeschmack zweiter Klasse: Mäh Mäh!

Dabei kann man gerade bahnbrechend neue Musik eben nicht mit einem Label versehen. Punkt. Portishead gehört da ohne Zweifel zu; laut Wikipedia ist das Trip-Hop: „Im Zusammenhang mit diesem Album [von Portishead] tauchte auch zum ersten Mal die Bezeichnung Trip-Hop auf. Dabei handelt es sich aber um die Idee eines Musikjournalisten. Die Band selbst konnte sich nie damit identifizieren und hat ihre Musik auch nie so bezeichnet.“

Das hilft uns nicht wirklich weiter. Natürlich hat jede Band ihre Vorläufer; Musiker, die sie inspirierten. Und Bands, die zeitgleich aktiv sind; und nicht wenige Musiker inspirieren wieder andere. Natürlich ist der Zugang zur Musik individuell und emotionsgeladen. Zum Glück, denn wir sind ja Menschen.

Und so es ist sinnlos, eine Schublade für „Sea and Air“ zu suchen. Denn jedes Lied ist anders. In der Live-Show spielt jeder vom Duo mehrere Instrumente und singt dazu. Eine Vielzahl von klangerzeugenden Gegenständen kommt zum Einsatz. Und genau DAS macht jedes Lied zu einem Unikat. Das muss man einfach live sehen (bzw. hören).

Es ist nämlich wie beim Essen. Natürlich kann ich mir einfach ein Halbes Hähnchen vom Supermarkt holen. Oder ich schiebe eine Poularde in den Ofen, die ich vorher mit Zitrone, Rosmarin und Thymian gefüllt habe. Und das ist eben nicht das Gleiche.

Da es möglicherweise noch keine passende Schublade für die Musik von „Sea und Air“ gibt, werde ich die jetzt benennen; diese Musik sei von nun an „Liatorp“ geheißen. Das ist der teuerste Schrank, den man bei „IKEA.de“ bestellen kann.

Passenderweise eine Vitrine – denn in eine solche gehört die Band.

Foto: Sea + Air

2 Antworten zu “Sea and Air: handgemachte Musik, die Schränke füllt

  1. Guter Beitrag! Ich habe die beiden live gesehen und bin hin und weg gewesen. Die erzeugen eine unglaublich schöne Stimmung, durch die Art, wie sie Musik machen. Es sieht so aus und hört sich so an, als käme alles natürlich aus ihnen heraus, sie musizieren so, als wollten sie einem eine Geschichte erzählen. Ich war danach unglaublich erfüllt und mitgerissen. Man kann Sea and Air nicht in eine Schublade packen, man kann sie sich nur ansehen und fühlen.

  2. Pingback: Sea + Air: Der Song zum zum Spätherbstblues | Ansichtssache

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