Entscheiden mit geschlossenen Augen

Ich stehe in einer Reihe mit vier anderen Improspielern im Probenraum. Etwas durchgefroren habe ich mal wacker direkt für die erste Übung nach der Mittagspause gemeldet. Der Plan geht auf: Am Ende bin ich warm – und ich lerne etwas über Entscheidungen.

Die Übung an sich ist einfach: Fünf Spieler stehen in reiner Reihe, immer genau zwei davon sollen in Hocke sein; dabei ist keine Absprache darüber erlaubt, wer unten und wer oben ist. Ich muss also entscheiden, ob und wie lange ich in die Hocke gehen will. Dabei sehe ich natürlich, wenn es nur noch einer oder gar keiner kniet und kann mich dann schnell nach unten bewegen. Dabei sehe ich aber meist, dass ein anderer genauso entschieden hat. Dann breche ich schon mal die Bewegung ab – und so entsteht unter den Spielern ein munteres Tänzchen.

Dann unterbricht die Übungsleiterin und ändert die Spielregeln: Wir sollen mit geschlossenen Augen weitermachen. Jetzt habe ich keine Chance mehr zu sehen, wie viele Spieler noch stehen. Also bin ich jedes Mal unsicher, wie ich mich verhalten soll. Ich höre sehr wohl, wenn sich neben mir etwas bewegt. Aber hat sich jetzt jemand nach unten bewegt. Oder nach oben? Und wie viele der anderen sind jetzt gerade unten? Ich weiß es nicht, bin unsicher.

Die Auswertung ist überraschend. Denn die zweite Runde hat nach Aussagen der Zuschauer eher besser geklappt als vorige. In gefühlten 80% der Fälle waren nur zwei in der Hocke. Das ist aber nicht ausschlaggebend; es ging nicht um richtig oder falsch. Viel wichtiger ist, dass die Bewegungsabläufe viel klarer waren. Und tatsächlich: Das Zucken, das Hin- und Herrudern kam diesmal nicht vor. Wenn ein Spieler die Position ändern wollte, dann hat er das einfach gemacht.

Weniger Informationen führen zu deutlicheren Entscheidungen.

Während des zweiten Teils der Übung konnte ich die Gesamtsituation nicht einschätzen. Ich habe mich an meinen Partnern orientiert und eben nicht erst links und rechts geschaut; und insbesondere vom Publikum habe ich keine ablenkenden Impulse wahrgenommen.

Und das ist interessant: Denn Schauspieler fällen Entscheidungen, mit denen sie ihr Publikum durch eine Szene führen. Sie lösen mit ihren Bewegungen und Worten Assoziationen aus. Die können sie nicht steuern. Machen die Spieler ihre Sache das gut, sind die Leute gebannt. Wirken sie unsicher und verworren, scheitert die Szene. Das ist beim Improspiel nicht so schlimm – ganz im Gegenteil. Dort wird darüber gelacht. Im Wirtschaftsleben kann dies fatale Konsequenzen haben.

Unklare Entscheidungen sind leider modern
Dennoch haben viele Entscheider einen großen Hang zu Unklarheit. Und Angst, verbindliche Entscheidungen zu treffen. Das geht mittlerweile so weit, dass viele Arbeitsverträge befristet sind – und unablässig in gesetzeswidrigen Kaskaden verlängert werden. In einem Fall hing es sogar von der Tageslaune des Entscheiders ab, ob es weiterging. Bis der Mitarbeiter die Schnauze voll hatte und ging. Schade eigentlich, denn das Projekt kommt deswegen keinen Schritt voran.
Wer so entscheidet, der hat viele Informationen im Kopf – zu viele. Aber eben nicht die Relevanten. Das sind doch wohl die Bilanzen, das Geschäftsergebnis am Jahresende und eine gewisse Fairness gegenüber den Mitmenschen. Mit Blick darauf kann man  Entscheidungen über Personal und Material zielsicher fällen.
Leider gibt es sogar noch eine verschärfte Variante. Es wird so lange nach Informationen gesucht, um die perfekte Entscheidung zu treffen, bis der Moment für eben diese verpasst ist.
Und weil weder Zuschauer noch Kunden ein solches Gehampel gern haben, ist der Besuch von Impro-Kursen sehr nützlich. Man lernt auch etwas übers Management.

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