Klassenkampf 2.0

Alljährlich im September trifft sich in Köln die Online-Branche auf einer Messe namens DM-Expo: Das DM steht für Digitales Marketing. Zwei Vertreter des Fachs haben einen sehr spannenden Vortrag gehalten. Hier wurde in lockerer Art viel Wissen über Facebook und Google vermittelt. Und unversehens zum Nachdenken über die zunehmende Machtkonzentration im Internet eingeladen.


Dort kämpfen zwei große Konzerne heftig um Marktanteile: Google und Facebook. Für den einen ist seine mit Links gefütterte Suchmaschine das Kerngeschäft, für den anderen sind es die Schaltflächen, auf denen in Poesiealbumsprache „Gefällt mir“ und „Teilen“ steht. Beide erfordern eigene Marketingstrategien. In der Firma von Jan Borgwardt und Stefan Oßwald können sich Werbetreibende bei der Auswahl beraten lassen.
Google vs. Facebook
Und während des Vortrags hauten sich die beiden Vor- und Nachteile um die Ohren. Wenn der Spezialist für Google den anderen in der Ecke glaubte, konnte jener doch geschickt kontern – bis er dann die Rolle als Alpha-Marketer wieder verlor. Am Ende einigten sie sich auf ein Unentschieden.
Das war mutig, das war gut, das war fast schon Theater. Danke.
Einige der Zahlen sind sehr beeindruckend. So bearbeitet Google Monat für Monat über 88 Milliarden Suchanfragen; der Konzern erreicht knapp 75 Prozent aller Nutzer. Auf den noch recht neuen Google-Plus-Servern treiben sich bereits 30 Millionen Profile herum. Mit den verschiedenen Google-Diensten können Werbetreibe sehr gezielt Menschen dann erreichen, wenn sie Infos im Netz suchen.
Bei Nutzerprofilen jedoch hat Facebook die Nase vorn: 21 Millionen aktive Mitglieder gibt es – allein in Deutschland; 750 Millionen sind es weltweit. Die Hälfte davon ist täglich im Netz, sie „teilen“ 4 Milliarden Inhalte – am Tag. Jeden Monat drückt der durchschnittliche Nutzer 90 mal  auf eine der mit „Gefällt mir“ oder „Teilen“ beschrifteten Schaltflächen.
Somit ermöglicht die riesige Facebook-Datenbank allen, die etwas verkaufen wollen, unzählige Möglichkeiten.
Wenn Sie ein Marketing-Budget aufteilen wollen, stehen Sie somit vor sehr komplexen Entscheidungen: Text Ads? Image Ads? Video Ads? Google schneidet beim regionalen Targeting derzeit wohl etwas besser ab, während man verschiedene Altersgruppen zielgenau über die Angebote des Konkurrenten ansprechen kann. Und dann gibt es noch so schöne Worte wie Pull- und Pushmarketing, Social Engagement und Viralität. Lirum Larum.
Das ist spannend. Das ist erschreckend.
Denn am Ende, und das ist eine wirklich traurige Nachricht, sind beide Anbieter vor allem große Datenkraken, die zur eigenen Gewinnmaximierung speichern, was sie nur können. Sie schaffen Nutzen für den Nutzer, um möglichst viel über seine Klicks und Transaktionen zu erfahren. Denn das lässt sich meistbietend verkaufen.
So fließen derzeit noch 75 Prozent der Werbebudgets in TV, Radio und Gedrucktes, während die Nutzer bereits zu 40 Prozent ihre Kaufentscheidungen vom Internet entscheidend beeinflussen lassen. Es ist abzusehen, das dieses Missverhältnis bald beendet wird.
Außerdem wird in Kürze die Zahl der Zugriffe auf das weltweite Informationsangebot über mobile Geräte größer sein als diejenige von Rechnern und Laptops
Das Messi-Stasi-Oligopol
Den größten Teil der Marktmacht haben die Mittler zwischen Produzenten und Konsumenten. Im Lebensmittelhandel sind es die wenigen großen Ketten, im Onlinebereich werden es Facebook und Google sein, sicher mit einigen Konkurrenten wie Apple, Amazon und vielleicht noch Ebay. Sie werden ein Oligopol bilden.
In dessen großen Serverparks rotieren stetig die Festplatten; ich stelle ich mir vor wie eine skurrile Mischung zwischen einer digitalen Superstasi und einem Online-Messi, der einfach kein Bit entsorgen kann, denn: „Man könnte es ja noch einmal brauchen.“ Ein Student aus München schaffte es jüngst aufs Titelblatt der Bild: Facebook hatte ihm den Datenbankauszug seines Accounts geschickt. 1.200 Seiten waren es, auch die Sachen, die er gelöscht hatte und im digitalen Nirwana wähnte, die waren alle noch da. Schöne neue Online-Welt.

Der Klassenkampf 2.0 hat begonnen
Doch zum Glück hat jede Kraft eine Gegenkraft. Der Kontrolle des Internets durch Konzerne und Staaten stellen sich viele Menschen entgegen. Unter ihrer stolz flatterten orangenen Fahne kamen die Piraten ins Parlament der Hauptstadt. Diese Szene freier Hacker und Freaks ist bereits lange aktiv. Als Vorläufer kann sicher der Chaos Computer Club gelten, der jüngst seinen 30. Geburtstag feierte. Hier formiert sich eine Gegenmacht, deren Hauptschlagworte Datenschutz, Teilhabe und freier Zugang sind. Und dabei geht es eben um mehr als Porno und schlechte Musik.
Der Klassenkampf im 21. Jahrhundert wird ein digitaler sein. Das habe ich auf dem Vortrag begriffen – und am heimischen Rechner direkt mal ein Profil gelöscht.

Links

Messeauftritt der Firma

Ronald Pabst auf Google+

Interview mit dem Münchener Studenten

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