Couchsurfing: Urlaub im wahren Leben

Das Internet macht es möglich: Wenn Sie ein Land entdecken wollen, dann öffnen Sie Ihnen nun viele Türen. Dabei können Sie Menschen kennenlernen, neue Erfahrungen machen und obendrein Geld sparen. Und, falls Sie es mögen, können Sie Ihre Gastgeberqualitäten beweisen.


Das ganze heißt Couchsurfing. Auf dieser Internetseite kann sich jeder ein Profil anlegen. Ist man dann auf Reisen, kann man andere Teilnehmer fragen, ob man bei ihnen für eine oder mehrere Nächte übernachten darf. Eine Gegenleistung muss man nicht erbringen; jedoch ist jeder eingeladen, ebenfalls Leute bei sich aufnehmen. Aber verpflichtet ist man zu nichts.
Für mich löste diese Seite ein großes Problem. Denn schon seit Schulzeiten packe ich regelmäßig Rucksack oder Fahrradtasche, um allein die Welt zu durchstreifen. „Sie sind allein unterwegs. Ganz allein? Das wäre mir zu langweilig.“ Sagte mir einmal eine Wirtin in der tiefsten brandenburgischen Provinz. Ich bedankte mich höflich für den ordentlichen Fernfahrerteller mit Schwarzbier und verzichtete auf eine Diskussion des Bedeutungsunterschieds zwischen allein und einsam. Denn nur weil ich eine Reise allein starte, bedeutet dass ja noch lange nicht, dass ich den lieben langen Tag einsam bin. Ganz im Gegenteil: Gerade wenn ich allein unterwegs ist, bin ich offen für neue Begegnungen. Das ist spannend.
In Irland war es 1994 besonders schön. Dort gab es gut gepflegte Hostels, in denen viele Rucksackreisende waren. Wir bereiteten in der Küche etwas zu essen, sprachen über Reiseerlebnisse und planten gemeinsame Aktivitäten. So machte ich mit einem Mädel eine Radtour um den Ring of Kerry; drei Tage zelten auf Bauernwiesen: genau so, wie es der „Let’s Go“-Reiseführer versprochen hatte.
Und ich schaute mit US-Amerikanern gemeinsam Spiele der Fußball-WM; eine von ihnen konnte mir sogar die Abseitsregel erläutern. Außerdem hatten sich viele Iren in der Lobby des größten Hotels am Ort eingefunden; dort gab es „Public Viewing“ – zehn Jahre früher als bei uns.
Andernorts in Europa habe ich das auf meinen Reisen nicht mehr gefunden. Hostels sind meist Absteigen, in denen man die Reisenden wie Ölsardinen stapelt, weil das eine Gewinnspanne gibt, die sonst höchstens die Mafia bei der Vermietung von Schlafplätzen an illegale Einwanderer erzielt. Und Herbergen sind meist so gebaut, dass jeder unter sich bleibt – wenn sich überhaupt mal wer dorthin verirrt. In Deutschland sind viele Gasthöfe und Hotels offensichtlich Steuerabschreibungsmodelle. An solchen Orten ist es auf Dauer langweilig.
Doch Couchsurfing löst dieses Problem. Ich kann neue Landschaften durchstreifen und treffe dabei auf weltoffene Menschen, die ihren Urlaub ebenfalls jenseits der abgelatschten Touristenpfade verbringen. Menschen, die offen sind für neue Begegnungen und mir stolz ihre Region zeigen.
Es gibt ganz besondere Momente: Tagsüber zeigen mir Nordfranzosen ihre Stadt, abends schauen wir den Film Bienvenue chez les ch’tis und essen dabei den sehr würzigen Käse, der im Film in Kaffee getunkt wird. Vieles vom tagsüber Gesehenen erkenne ich wieder. Und wenn ich etwas nicht verstehe, wird die DVD gestoppt und ein paar Sätze erklärt. Bei einer solchen Reise ist der Sprachkurs ohne Aufpreis inbegriffen.
Und der Erkenntnisgewinn geht weiter. Wer hätte schon gedacht, dass Franzosen mittlerweile Müll trennen? Und noch mehr: Eine Frau zeigte mir ihre Kompostierungsanlage unter der Küchenspüle.  Mit Würmern. Ohne Geruch. Selbst gebastelt. Faszinierend.
Aber zurück zum Couchsurfen. Es ist einfach super. Auch und gerade, wenn die Welt zu mir nach Hause kommt. So hatte ich schon Gäste zur Photokina, damit eine Freikarte und Fachsimpeleien mit Profis. Oder habe einen Koreaner in die Niederungen des deutschen Zweitligafußballs eingeweiht: Die Düsseldorfer Fans machten viel Stimmung, ihr Team gewann und es war ein richtig schöner Fußballabend – abgesehen vom Ergebnis.
Ein Pärchen war für einen Vortrag nach Köln gereist – sie stellten dort ihre Radreise vom Allgäu nach Ägypten vor. Dabei entstand zudem eine CD: mit den verschiedenen Musikern, die den beiden am Wegesrand begegneten.
Unterwegs sein, das bedeutet mir mehr, als die eigene Komfortzone nach Süden zu verlegen. Ansonsten gilt: Wem langweilig wird, wenn er auf sich allein gestellt ist, den meide ich, denn er ist langweilig. Es gibt doch so viel zu entdecken.

3 Antworten zu “Couchsurfing: Urlaub im wahren Leben

  1. … sehr schön, bestätige ich als überzeugtes Couchsurfing-Mitglied gerne. Hier noch der Link: http://www.couchsurfing.org. Im Moment tobt dort eine weltweite Debatte über die Kommerzialisierung des Projekts. Sieht nicht gut aus, viele springen ab. Es entstehen neue, ähnliche Plattformen, die weiterhin als Non-Profit-Initiativen laufen. Anderseits bleibt die Frage: Warum sollen Leute mit einer guten Idee nicht auch Geld verdienen dürfen?

    • Mein Eindruck in letzter Zeit ist auch, dass weniger Anfragen kommen. Ich verstehe auch nicht, warum eine „Kommerzialisierung“ ein Problem darstellt. Auch im „Non-Profit“-Bereich werden Leute bezahlt. Das Problem der CS-Bestreiber bestand auch darin, dass die Finanzbehörde in den USA das Projekt nicht als gemeinnützig eingestuft hat. Ansonsten ist jedem die Nutzung einer Webseite freigestellt.

  2. Reblogged this on … Weltenbilder und andere Eindrücke und kommentierte:
    Tipp: Couchsurfing

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