Kochen wie Beuys

Das soll Kunst sein? Ein typischer Osterhase – nur halt aus Gold. Daneben befinden sich noch ein paar Juwelen. Der Anblick des in Stuttgart hinter Panzerglas aufbewahrte Kunstwerks von Joseph Beuys ist enttäuschend. Aber wer den Prozess dazu kennt, der wird meine Faszination dafür verstehen.


 Große Kunst

1982 hat Beuys auf der Dokumenta in Kassel Gold in eine Gussform laufen lassen, um den Hasen herzustellen. Das Metall stammte aus der Krone eines russischen Zaren; mit einer schnöden Nagelschere hatte Beuys zuvor die Edelsteine herausgebrochen und in einem Einmachglas verstaut. Und obwohl es nur eine Nachbildung der Krone war, gab es hinterher viel Geschrei in den Boulevardzeitungen. Beuys hatte mit alltäglichen Gegenständen ein Symbol absoluter Staatsmacht zerstört – und ein neues Symbol geschaffen für den Frieden. Es ist dieser Prozess, der den Goldhasen adelt. Der Prozess lädt zum Nachdenken ein.

Das haben viele Werke von Beuys so an sich. Wer ohne diese Kenntnisse durch eine Ausstellung von seinen Werken streift, der wird vieles für Sperrmüll halten. Und kaum verstehen, dass die Deutsche Bank gerne Werke von Beuys kauft – als Vermögensanlage. Denn für seine Arbeiten wird mittlerweile sehr gut bezahlt.

Kleine Kunst

Meine künstlerischen Ambitionen lebe ich in der Küche aus: Meine Theoretiker heißen Rach und Biolek. Und weder möchte ich der Welt etwas sagen, noch bleibende Spuren auf ihr hinterlassen. Nein: Mir kommt es nur auf den Prozess an. Er beginnt mit der Auswahl eines Rezeptes, dem Aufspüren und Einkauf der passenden Lebensmittel; der Prozess geht weiter mit dem Ausprobieren der Methoden und dem Bereiten der Zutaten. Das entspannt. Das ist kleine Kunst. Denn es geht nicht ums „satt werden“; sondern um die Fütterung der Sinne. Manchmal wird dabei mit interessanten Menschen ein Fläschchen Wein geteilt. Das ist aber durchaus kein Muss. Wenn der Reporter im Radio über den aktuellen VfL-Sieg berichtet, reicht das als fröhliche Begleitung aus.

Was für Beuys Fett und Filz, sind für mich Bauchspeck und Grünkohlblätter. Sorgfältig wollen sie behandelt, geformt und erhitzt werden. Und dann kann man sie spüren, die Aromenvielfalt, mit der uns die Natur beschenkt hat. Und die wir uns durch die Supermärkte allzu leichtfertig wegnehmen lassen. Denn: Viele wichtige Entscheidungen über das, was wir essen, werden mittlerweile in den Zentralen der großen Handelsketten gefällt. Sie bestimmen zu einem großen Teil, was auf unseren Tellern landet. Das ist eben die politische Dimension des Essens.

Kochen, Beuys und Politik

Und wer tatsächlich kocht, anstatt vorverdaute Produkte aufzuwärmen, der kann diese Dimension nicht vermeiden. Zum Glück lässt sich am Erfolg der Biokleberchen eine gewisse Trendumkehr erkennen – eine Revolution ist das freilich noch nicht. Aber es gibt ja noch den Wochenmarkt und sogar ein Bio-Metzger ist fußläufig erreichbar.

Die Werke von Beuys haben eine starke politische Botschaft. Sie erzählen von möglichen Revolutionen und gesellschaftlichen Gegenentwürfen. Dies wird von der Kunstwissenschaft  bei der Deutung gern weichgespült. Nicht zuletzt war Joseph Beuys einer der ersten, die sich im Nachkriegsdeutschland für den Gedanken der Volksabstimmung eingesetzt haben. Er gründete in Düsseldorf ein Büro für direkte Demokratie und verteilte Plastiktüten mit der Aufschrift „Demokratie durch Volksabstimmung.“

Dieser Prozess von Beuys ist noch nicht abgeschlossen; aber sein Impuls trägt noch immer.

2 Antworten zu “Kochen wie Beuys

  1. Andrea Adamopoulos

    Lieber Ronald, das ist ein wunderbarer Aufsatz! Wie fein Du die Dinge wahrnimmst gefällt mir. Andrea

  2. Pingback: Sprachlos um die Welt: Mit Impro-Theater | Ansichtssache

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