Deutschland, einig Betaland.

Sie sind überall, die Beta-Versionen. Mit diesem schönen Wort benennen Softwarehersteller Produkte, die noch nicht ausgetestet sind. Sie werden aber schon veröffentlicht, damit mutige Nutzer sie ausprobieren, die Fehler melden, damit diese ausgebessert werden können. Eine schöne Idee. Leider ist sie mittlerweile so verbreitet, dass sie in allen gesellschaftlichen Bereichen anzutreffen ist. Mit einer entscheidenden Änderung: auf die Korrektur der Fehler wird weise verzichtet. Deutschland, einig Betaland.


Fallbeispiel 1: Rentenversicherungen

Neulich bekam ich einen Brief von meiner Zusatz-Rentenversicherung. Sie versicherte mir, dass ich die Beiträge auch in Zukunft bei der Steuer geltend machen könne. Das ist nett: Das Finanzamt hat genau das in den letzten Jahren immer problemlos akzeptiert. Um es klar zu stellen: Genau deswegen habe ich mich für dieses Produkt entschieden. Durch irgendeine gesetzliche Regelung war der staatliche Zuschuss zwischenzeitlich in Gefahr geraten.

Und wenn sich nun jemand bei Abschluss seiner Vorsorge auf Unternehmen und Behörden verlassen hat – und nun feststellen muss, dass das die falsche Wahl war? Dann ist er in die Betafalle getappt, denn offenbar waren Vertrag und Steuergesetzgebung noch nicht ausgereift. Beta eben. Pech gehabt. Als ob es nicht ausreichen würde, dass die Verträge ohnehin undurchsichtig und unflexibel sind. Eins ist sicher: Das Wohlergehen der Menschen im Alter steht bei der Ausgestaltung der Gesetze nicht im Mittelpunkt des Interesses.

Fallbeispiel 2: Software

Kaum ein Programm, dass sich nicht permanent Updates aus dem Internet herunterlädt. Warum denn eigentlich? Können die nicht einfach mal fertig sein? Bis vor ein paar Wochen schrieb ich meine Texte mit einem Programm aus dem Jahr 2000. Seit ein paar Wochen trägt die Versionsnummer das Jahr 2010 – zugegebenermaßen fällt die Arbeit hier und da etwas leichter. Aber besser werden meine Texte dadurch nicht.
Als äußerst störend erwies sich diese Update-Mania allerdings, als ich ein PC-Problem hatte. An meinem Laptop ging die Tastatur kaputt, und ich musste das Gerät einschicken. Der Umzug der Daten auf ein Ersatzgerät hatte zwar geklappt: Als ich dann aber die aktuellen Daten wieder auf den alten Rechner spielen wollte, kostete mich das mehrere Arbeitstage. Das Mailprogramm verweigerte wegen Konflikten verschiedener Versionen die Funktion, Online-Banking mache ich inzwischen wieder über das Web-Interface der Bank – die Software der Bank verweigert immer noch ihren Dienst. Dabei ist jedes einzelne Problem für sich lösbar. Nur in der Summe hemmten sie meine Produktivität nachhaltig. Alles Beta oder was?

Fallbeispiel 3: Schulreformen

Nach jedem Machtwechsel in einem Landesparlament wird das Schulsystem reformiert. Ein meiner Meinung nach großes Verdienst der ehemaligen schwarz-gelben Landesregierung in Nordrhein-Westfalen war die Verkürzung der Schulzeiten von Gymnasiasten. Denn wer sich in Europa auskennt, weiß, dass die Absolventen des deutschen Bildungssystems im Vergleich uralt sind – ein hausgemachter Nachteil. Klüger sind sie übrigens nicht.

Aber natürlich kann man in acht Jahren nicht so viel Stoff behandeln wie in neun. Also braucht es den Mut, den Lehrplan zu kürzen. Der hat aber gefehlt, so dass der Stundenplan viel zu vollgepackt ist. Dabei ist es eine Binsenweisheit, dass die menschliche Aufmerksamkeit wie ein Glas Wasser funktioniert: Wenn man nachgießt, obwohl das Behältnis voll ist, fließt der Rest einfach daneben. Der Blick auf den Stundenplan einer Sechstklässlerin hat mich von meiner Begeisterung für das Reformprojekt jedenfalls kuriert. Das ist keine zukunftsfähige Schulreform, dass ist Beta-Politik auf Kosten der Jugend.

In Hamburg wurde eine tief greifende Schulreform per Volksentscheid abgelehnt. Ich habe mit dem Vater von zwei schulpflichtigen Mädchen gesprochen. Er war zunächst für die Reform, ließ sich aber im Laufe der öffentlichen Debatte von den Gegner überzeugen. Denn für seine Mädchen hätte es bedeutet, dass sie ihre Schulzeit in Containern hätten verbringen müssen. Die geplanten Einheitsschulgebäude müssen nämlich erst mal gebaut werden. Diese Beta-Schulzeit wollte er ihnen nicht antun und stimmte mit Nein. Gut so!

Fazit

Heerscharen von Computer-Programmieren, Juristen und Versicherungsvertretern wollen Beschäftigung haben – und schreiben pausenlos Gesetzesentwürfe, Updates und Verträge. Heraus kommen dabei inkompatible und unsichere Produkte, die permanent nach unserer Aufmerksamkeit verlangen, anstatt uns den Alltag erleichtern. Wenn dann noch die Politik deren Auswüchse in Gesetzesform gießt, kann es schnell kritisch werden. Ist eben doch nicht alles gut mit Beta.

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