Kleine Wetterlehre

Winter in Deutschland. Schneetreiben am Kölner Hauptbahnhof. Ideales Kamin-, schlechtes Reisewetter. Die große Tafel am Eingang verkündet, dass meine S-Bahn 35 Minuten Verspätung haben wird.


Ich nutze die Zeit, um in der Bahnhofsbuchhandlung zu stöbern. Und warte lieber auf einen Regionalexpress, der auf der Anzeige ohne Verspätung angegeben ist. Noch. Pünktlich stehe ich am Gleis, und genau in der Minute, in der der Zug einrollen soll, wird eine Verspätung angezeigt. 20 Minuten. Also gehe ich zurück zum elektronischen Fahrplananzeiger. Die S12 ist dort inzwischen verschwunden. Das heißt wohl: Sie ist ausgefallen. Die nächste Bahn der Linie wird wieder mit 35 Minuten Verspätung angezeigt. Die Regionalbahn bleibt also das Transportmittel der Wahl. Allerdings muss ich am Gleis feststellen, dass die Bahn keine Verspätung mehr hat. „Zug fällt aus“ zeigt die Elektronik für Sekundenbruchteile an, bevor der Zug aus der Palette der Optionen verschwindet. Ich erinnere mich an meine dritte Möglichkeit, die auf den Namen S13 hört. Ich muss dann zwar vom Zielbahnhof aus länger nach Hause laufen, aber das ist durchaus eine Alternative.

Dann verheißt die Anzeige überraschend wieder das Eintreffen des Regionalexpress‘; es handelt sich allerdings um den Zug, der eine Stunde früher hätte kommen sollen, und der hat  nun eine Verspätung von 80 Minuten . Dieser Zug wird wieder meine erste Wahl. Bis auch er von der Anzeige verschwindet und mich schließlich die S13 in Richtung Heimat befördern darf: Auf ihr Eintreffen warte ich noch einmal 30 Minuten.

Mein Aufenthalt am Bahnhof verschlang am Ende rund zwei Stunden. Es wird an diesem Sonntag viele Leute in Deutschland gegeben haben, die es schlimmer erwischt hat. Aber die Geschichte zeigt deutlich: Es ist überhaupt nicht wichtig zu wissen, was nicht funktioniert. Wege, die nicht an mein Ziel führen, kann ich direkt von der Anzeige des Lebensplans streichen. Spannend sind nur die Dinge, die mich voranbringen. Gerade in Stresssituationen ist es wichtig, sich nur darauf zu konzentrieren. Und ich erinnere mich wieder an eine angelesene Anekdote über erfolgreiche Feuerwehrmänner. Die nehmen beim Einsatz den ersten Plan, der zu funktionieren verspricht. Optionen sind dann erst mal Nebensache.

Meine ÖPNV-Nutzung ist an diesem Tag mit Verlassen der S-Bahn keineswegs abgeschlossen. Ich fahre mit dem Bus weiter; diese Etappe könnte ich auch zu Fuß zurücklegen. Doch der Winter hat das Land fest im Griff und ich bin gespannt, ob man trotzdem vorankommt.

Auf der anderen Straßenseite bemühen sich zwei Mitarbeiter des hiesigen  Verkehrsunternehmens, den Bus der Gegenrichtung mit Hilfe von unter den Reifen gestreutem Schüttgut in die Lage zu versetzen, eine normalerweise harmlose Steigung zu bewältigen. Der Bus in meine Richtung steht schon parat, die Steigung abwärts zu fahren, sobald Platz dafür ist. Nach einer ganzen Weile kommt der große Moment, und wir können einsteigen. Mit jedem Meter bibbern die Fahrgäste mit dem Gefährt, das für solche Verhältnisse nicht gebaut ist.

Und natürlich kommt der Bus nicht an sein Ziel. In irgendeinem Wohngebiet mit alten Arbeiterhäusern sind zwei Busse zusammengestoßen. Uns wird nahegelegt, die Reise anderswie fortzusetzen.

Im Bus sind zwei alte türkische Frauen, eine mit einem Rollator. Sie haben die Durchsage nicht verstanden, und ich kann mich ihnen nicht verständlich machen.  Zwei Russinnen gelingt das, sie benutzen dabei eine Sprache, die entfernt an das Deutsche erinnert. Sie dient hier dem Austausch über kulturelle Grenzen hinweg und funktioniert. Ich kenne das aus einer anderen Stadt: Brüssel. Dort verständigen sich hohe und nicht ganz so hohe Tiere mit einem hochgewürgten Restschulenglisch und verstehen sich ganz prächtig. Das sind auch solche Fälle, in denen das Erreichen des Ziels über die korrekte Ausübung der Details obsiegt.
Winter in Deutschland. Ich schaue mir das Schneetreiben vom Wohnzimmerfenster aus an und fühle mich wie ein alter Feuerwehrmann. Plan A durchgehalten. Ein höllisch gutes Gefühl durchströmt meine wieder erwärmten Glieder. Die Systeme funktionieren nicht, manche behaupten: so wie gewollt – Die höhere Gewalt entbindet anscheinend von Verantwortung. Und wer will, kann sogar daraus etwas lernen.

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