Kunst mit Wunst und Rosen

Rosenfest Wesseling. Das Schicksal hat mich hierhin beordert. Zwischen selbstgemachtem Kuchen und selbstgemalten Bildern darf ich 30 Minuten totschlagen. Solche Momente sind selten, und ich genieße sie, die Langeweile; denn das ist es ja, was Entspannung ausmacht – eben kein Ziel zu haben.


Ich streife durch die Ausstellung im Bürgerhaus, das mit dem Geld der örtlichen Raffinerie zu gut saniert wurde. Plötzlich wird mein Blick von einer Reihe Werke gefesselt. Die Formen sind faszinierend, bekannt und zugleich kann ich nicht feststellen, ob es sich um Fotos handelt oder um gemalte Bilder. Abstrakt ist es hier auf jeden Fall. Ich erkenne einige hölzerne Formen und entscheide mich für die Möglichkeit: gemalte Bilder.
Mehr Aufschluss bringt sicher der Katalog der kleinen Ausstellung, den ich mutig ergreife. Dann kommt jemand auf mich zu: die Künstlerin.
Für unmusische Menschen sind Gespräche mit Künstlern ja meist wenig erbaulich. Sie enden oft im Desaster. Ich erinnere mich an eine andere Ausstellung: Privatatelier, Kölner Südstadt. Ich habe sie mit Bekannten aufgesucht, weil eine der beteiligten Künstlerinnen zu unserem Theaterkurs gehörte. Ihre Werke waren im russischen Ikonenstil gemalte Bilder von essenden Menschen, die in ungünstigen Positionen festgehalten waren. Ein spannender Gegensatz von Gold und Essensresten, aber ins Haus kämen sie mir nicht.
Ein Bild einer anderen Beteiligen erinnerte mich an eine unwillig von Achtklässlern in kürzester Zeit erledigte Pflichtaufgabe. Sonst sagte es mir nichts. Einem der Bekannten ebenso wenig und er sprach unvorsichtigerweise: „Das könnte ich auch.“ Er sprach leise und solidarisch, wurde trotzdem gehört, die empörte Reaktion der uns bekannten Malerin ließe sich in etwa so zusammenfassen: „Wenn du es selber kannst, warum machst du es dann nicht?“
Vermutlich weil niemand in der Welt auf Bilder von mir wartet; aber da kann ich mich ja täuschen und behalte den Satz lieber für mich. In solchen Momenten denke ich gerne an Hans-Joachim Kulenkampff und eine in einer Samstagabendshow während der Kindheit aufgeschnappten Weisheit: „Kunst kommt von Können und nicht von Wollen, sonst hieße sie Wunst.“ Klingt logisch, ist aber falsch.
Kunst ist etwas dann, wenn es das Innerste zum Klingen bringt. Das ist notwendigerweise ein als individuell zu bezeichnender Vorgang. Bei dem einen löst die Betrachtung eines Bildes etwas aus, gibt den grauen Zellen Arbeit; hingegen fällt dem anderen zum gleichen Bild höchstens ein zynischer Spruch ein. So ist das halt mit der Kunst.
In Wesseling klingt es bei mir mächtig, sogar das Gespräch mit Künstlerin Rose Schneider verläuft sehr angenehm. Ich erfahre Spannendes über die Werke, es sind tatsächlich Fotos von verfallenden Gebäuden, Ausschnitte meist, die eine Ästhetik zeigen, die man allenfalls als Kind bewundern darf: Die Schönheit von Rost und abgeplatzter Farbe.
Die Wirkung, die Magie in Worte zu fassen, das versuche ich lieber nicht. Es ist die Liebe zum Detail, die das Besondere ausmacht, es ist das genaue Hinsehen. Je länger ich auf die Bilder schaue, desto mehr sehe ich.
Vor den Bildern steht ein frischer Strauß Rosen. Schnittblumen haben ja etwas unendlich trauriges. Ein Lebewesen wird kurz vor seiner Blüte brutal verletzt und der im verzweifelten Todeskampf sinnlos auf Befruchtung hoffende Kelch der Bewunderung preisgegeben. Zu Recht wehren sich diese zarten Lebewesen, in dem sie das Vasenwasser durch Zerfallsprodukte so richtig zum Stinken bringen.
Der Strauß wird während der Ausstellung verwelken. Und diesen Prozess halten die Bilder fest, nur dass auf ihnen eben keine Rosen welken, sondern Industrieanlagen. Gebrochen und neu gedeutet werden die Aufnahmen durch häkelnadelgroße Zedernholzfiguren, die ihnen Leben einhauchen. Ich verabschiede mich, nicht ohne eine weitere Gelegenheit zu vereinbaren, die Bilder und andere Werke aus der Reihe einmal anzuschauen.

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