Alle schimpfen auf die Bahn. Ich nicht.

Mit dem Fahrrad in der Bahn unterwegs: Was als unmöglich gilt, ist machbar. Und mit der nötigen Geduld sogar eine echte Erfahrung fürs Leben.


Der Tag in Dresden beginnt mit einem Frühstück in einer charmanten Pension; die Zeit ist stehen geblieben, es sieht hier aus wie in den Post-DDR-Wendezeiten. Der Wirt erzählt mir viele Geschichten von gescheiterten Versuchen, ein Fahrrad mit der Deutschen Bahn zu befördern. Und schwärmt von den Gepäckwagen, die es in Reichsbahnzeiten noch gegeben habe. Doch von reflexartig vorgetragenem Gemecker gegen die Bahn lasse ich mir die Laune schon lang nicht verderben und fahre unbeschwert zum Hauptbahnhof Dresden.

Ohne Schwierigkeiten komme ich über Chemnitz nach Leipzig. Hier stoße ich auf Irritationen. Der Hallesche FC spielt gegen Union Berlin; das Spiel wird in Leipzig ausgetragen. Es ist viel Polizei anwesend; die Ausrüstung mit Helm und Knüppel verrät, dass hier sicher auch Anhänger der so genannten Kategorie C erwartet werden. Auf der Website des Vereins heißt es später über das Spiel: „Beide Fanblöcke deeskalierten sich selbst | Dummköpfe sorgten für eine Spielunterbrechung und gehören ausgesperrt“.

Zum Glück muss ich nicht mit den Fans im Zug fahren. Wer jemals auf einer Fahrt dabei war, auf der ein Mülleimer vollgepinkelt wurde, wird meine Erleichterung nachvollziehen können. Die Reinigungskräfte der Bahn arbeiten hart für ihr Geld.

In Halle sagt mir der Schaffner, wo ich das Fahrradabteil finde. Es ist in der Mitte der kleinen Regionalbahn, die mich den Harz entlang nach Hannover bringt. Im Abteil wird es eng. Ein Mitreisender hat sich auf einem der Klappsitze platziert; er macht mich auf das Fahrrad-Verboten-Schild auf dem Boden aufmerksam. Dieses zeigt an, dass der Gang freibleiben soll. Etwas missverständlich, aber ich bin im Fahrradabteil, wie die Kennzeichnung auf dem Zug anzeigt. Hier sind zusätzliche Klappsitze angebracht. Sie werden natürlich auch von Passagieren genutzt, die ohne sperrige Gegenstände unterwegs sind. An sich kein Problem, wenn diese den Platz freigeben, sobald er benötigt wird – aber Umsicht auf die Umwelt ist nicht jedem gegeben, da hilft nur Geduld. Als Resultat steht mein Rad tatsächlich etwas unglücklich im Gang. Den Schaffner stört das nicht.

Nach einiger Zeit habe ich das kleine Radabteil für mich. Gegenüber befindet sich die Toilette, die überraschend häufig von einem Skinhead aufgesucht wird. Ab und an kommt auch ein Punk, der ebenso eine Schulmädchenblase zu haben scheint. Irgendwann müssen sich die beiden begegnen; ich überlege schon, auf wen ich im Konfliktfall wette; ich entscheide mich schnell für den Skinhead. Als die beiden tatsächlich aufeinandertreffen, unterhalten sie sich in aller Ruhe über das Rauchen und lachen. Nicht die Schulmädchenblase, sondern die Raucherlunge treibt sie so häufig auf die Toilette: Anarchismus gegen die Abschaffung der Raucherabteile. In Wernigerode überholen wir einen Museumszug mit Dampflokomotive. Ob da das Rauchen auch verboten ist?

Dann steigen einige Kollegen des Skinheads ein – einer im St.-Pauli-Pulli, dem Erkennungsmerkmal spießiger Linker. Sie haben sich am Wochenende auf einem Festival kennengelernt. Es gibt sie also noch, die Skinhead-Bewegung, die dem linken Spektrum zuzuordnen ist. In Hannover nutze ich die Fahrstühle, um den Bahnsteig zu wechseln. Solche Fahrstühle finden sich ja immer öfter: Behinderte, alte Leute mit Taschen und Frauen mit Fahrrädern sind darauf angewiesen. Leider wird die hilfreiche Technik immer wieder zerkratzt, verklebt, bespuckt oder anderswie außer Funktion gesetzt. Schade eigentlich.

Von Hannover geht es nach Minden: In einer übervollen S-Bahn. Unnötig zu sagen, dass es einen Riesenstau im Fahrradabteil gibt, weil zwei Männer die Klappsitze nicht freigeben und damit eine sinnvolle Anordnung der Räder verhindern.

Die S-Bahn fährt eine ausgedehnte Verspätung ein. Der Grund ist ein Personenschaden. Personenschaden ist Bahnsprech für Selbstmord. Immer wenn ich in der Gegend um Hannover mit der Bahn unterwegs bin, habe ich eine Verspätung wegen eines Personenschadens. Ich vermute, dass hier die extensive Berichterstattung über den Freitod eines depressiven Torwarts eine große Rolle spielt. Die Gegend muss bald menschenleer sein.

In Minden ist alles hektisch. Der Anschlusszug, ein Doppelstockzug, hat überraschend lange gewartet, ich werde von einem Schaffner zielsicher zum Radabteil gelotst. Die Abteile hier sind prima und fassen viele Räder. Doch das Ein- und Aussteigen ist bei vielen Rädern natürlich kompliziert. Aber nur die Ruhe – auf eine Minute mehr Verspätung kommt es jetzt auch nicht mehr an.

Mit zunehmender Dauer der Fahrt werden zwei Kinder unruhig und turnen am Treppengeländer. Aber der Waggon sieht so aus, als ließe seine Konstruktion die Nutzung als Klettergerüst zu. Die Eltern bringt das nicht aus der Ruhe. Sie verzichten auf jegliche Zwischenrufe, die als Erziehungsmaßnahmen ausgelegt werden könnten. Nur dass die süßen Kleinen mehrmals dicht an meinem Rad vorbeirennen, macht mich nervös. Mein Rad hat Klickpedale aus Metall, die sehr weh tun können. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Es passiert aber nichts.

Beim Umsteigen in Hamm wird es schon dunkel. Im Zug sind zwei junge Mütter, in Kinderwagen ist der Nachwuchs sicher verstaut. Sie kommen ins Gespräch, eine von beiden ist eine hübsche Blondine: Sie spricht sehr laut, ist offenkundig froh, dass ihr jemand zuhört. Sie sei trotz Schwangerschaft zur Schule gegangen und nach der Entbindung im Mutter-Kind-Heim gelandet. Dort habe sie aber wegen der strengen Regeln schnell rausgewollt. Nun hätte sie eine eigene Wohnung, ab und an käme jemand vom Jugendamt vorbei. Sie mache ihren Schulabschluss und wolle was Anständiges lernen. Ewig von der Sozialhilfe zu leben, sei nicht ihr Ding. Vom Vater habe sie sich getrennt, dessen neue Freundin rauche in Gegenwart des Kindes, sie selbst nur im Nachbarzimmer.

Ihr Gegenüber ist eine Frau mit geplantem Berufsweg und Wunschkind. Solche Begegnungen macht dieses Transportsystem möglich. Von Ferne wünsche ich Mutter und Kind nur das Allerbeste und die nötige Frustrationstoleranz, um üble Nachrede und Rückschläge unbeschadet zu überstehen.

Ab Dortmund fährt der Zug dann im Schritttempo. Verzweiflung und Wut machen sich breit. Dann kommt endlich eine Durchsage: Eine Signalstörung, weil Kupferdiebe die Drähte durchgeschnitten haben sollen. Kommunikation wirkt, die Gesichter entspannen sich merklich. In Essen haben wir dann wir sogar eine Stunde Aufenthalt. Die Geschichte von den Kupferdieben wird bestätigt. Vor der Zugtür bildet sich schnell die große Rauchersolidargemeinschaft. Ich schnorre eine Zigarette – das hilft. Kaum habe ich sie angezündet, heißt es: Einsteigen, schnell, schnell. Verdammt, ich hätte gerne in Ruhe aufgeraucht. Spät abends erreiche ich Köln.

Kinder, Fußballfans, Raucher, Fahrradfahrer, Miesepeter, Selbstmörder, Kupferdiebe: Unterschiedliche Gruppen stellen das Unternehmen Bahn jeden Tag vor andere Herausforderungen. Die meisten davon können die Mitarbeiter sicher und freundlich bewältigen. Ein bisschen mehr Kommunikation wäre hier und da allerdings angebracht. Stellvertretend für viele Radfahrer und Kinderwagenschieber schlage ich klare Anweisungen zur richtigen Nutzung der Klappsitze vor. Wenn dann noch die Kunden mehr Gelassenheit aufbringen könnten, würde es richtig Spaß machen, mit der Bahn zu fahren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s