Aufstieg und Fall des Heiko H.

Ende April wurde Bochums Trainer Heiko Herrlich nach einer Serie sportlicher Misserfolge entlassen. Kurz zuvor hatte er sich eine Auseinandersetzung mit der Bildzeitung geliefert; und dabei gezeigt, dass über manche Sachen in der Öffentlichkeit geschwiegen werden sollte. Onlinevideos und die Unerfahrenheit des Trainers ermöglichen es uns, die Geschehnisse nachzuvollziehen.

Herrlich war mitten in der Saison geholt worden, um den akut abstiegsgefährdeten Verein in sichere Tabellenregionen zu führen. Zu Beginn seiner Amtszeit gab zunächst zwei bittere Niederlagen; daran schloss sich eine überraschend gute Serie von zwölf Spielen an – nur das gegen die Bayern ging verloren. Der Verein war auf einem oberen Tabellenplatz und damit ebenso Sympathiewerte und Moral. Der Klassenerhalt schien bereits gesichert. Doch der Absturz ließ nicht lange auf sich warten. Aus den folgenden acht Partien gab es nur ein mageres Pünktchen. Zielstrebig fiel die Mannschaft wieder auf einen der gefährlichen Tabellenplätze.
In den Wochen zuvor war von einem Zerwürfnis zwischen Trainer und Mannschaft zu lesen; Auslöser für die Entlassung soll eine Wutrede des Trainers gewesen sein, der auf einen Wäschekorb eingetreten und dabei die Spieler als „Osterhasen“ bezeichnet haben soll. Hört, hört. Anschließend hat Herrlich in einem authentischen Interview dazu Stellung bezogen. Der Text ist lesenswert, doch Herrlich hätte besser geschwiegen – denn für zukünftige Arbeitgeber stellt er sich ein schlechtes Zeugnis aus, wenn er kurz nach einem Rausschmiss über Interna plaudert.
Wirklich spannend ist aber der Konflikt, den Herrlich während seiner letzten Amtstage mit der Bildzeitung austrug. Daraus kann man drei Dinge lernen:

  • Das Internet ermöglicht es Interessierten, sich genau über Geschehnisse zu informieren. Die O-Töne sind ungekürzt abrufbar.
  • Fußballberichterstattung funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Gewinner haben gute Presse, Verlierer haben schlechte Presse.
  • Man sollte niemals Medienschelte betreiben. Man gewinnt nichts, kann aber viel verlieren.

Was war geschehen? Durch die Erfolge zu Beginn wurde Herrlich als Heilsbringer gefeiert; doch während der anschließenden Niederlagenserie gab es jede Woche kritische Artikel, deren Tonfall schärfer wurde. Das thematisierte Herrlich dann in einem Pressegespräch vor seinem letzten Spiel, als er sich noch sicher im Amt glaubte. Sichtbar genervt von den erwartbaren Fragen gesteht er anfangs den Reportern noch zu: „Ihr müsst euren Job machen.“ Dann beschwert er sich über die austauschbare Berichterstattung. Als Beispiel führt er den im Moment über alle Maßen gelobten Trainer des FC Bayern, van Gaal, an. Anfang der Saison, als es in München noch Anlaufschwierigkeiten gab, wurde der niedergeschrieben.
Der Streit eskaliert, als der Bildmann folgende Frage stellt: „Im Nachhinein ist van Gaal der richtige Trainer. Sind sie auch noch der richtige Trainer für Bochum?“ Er erwartet wohl ein simples „Ja.“. Doch Herrlich redet sich in Rage und im Streit fällt der wunderschöne Satz: „Wenn es reicht, so eine Frage zu stellen, um für ihre Zeitung zu arbeiten, dann muss ich mir um meine Zukunft keine Sorgen machen.“ Zu sehen ist das auf der Webseite eyep.tv.
Auf der anschließenden Pressekonferenz ging die Auseinandersetzung weiter. Diese kann ebenfalls im Netz angeschaut werden. Zudem gibt es eine Transkription auf bildblog.de, aus der ich Herrlich zitiere: „Und ich weiß auch, dass es da vielleicht ’nen Bumerang gibt, ne? Weil ihr das halt nicht gewohnt seid, dass euch jemand die Stirn bietet und sagt: ‚Nö, ich möcht‘ nicht bei euch in der Zeitung stehen.’ Aber das ist für mich kein Problem, ich werd‘ meinen Weg weiter gehen und werd‘ aufrichtig bleiben. […] Ich weiß nur, was die letzten Wochen … die Art und Weise, wie ihr recherchiert habt. Wir unterhalten uns intern auch schon mit den Spielern. Und Günter Wallraff hat das schon vor langer, langer Zeit festgestellt: Da hat sich leider nicht viel geändert. […] Und drücken sie auf Aufnahme, dass ich’s meinen Kindern irgendwann zeigen kann: Euch gegenüber, ihnen gegenüber bleib‘ ich aufrichtig. Die werden stolz sein auf mich, irgendwann.“
Diese Auseinandersetzung fand vor dem letzten Spiel statt. Nun hätte die Mannschaft mit einer Reaktion auf dem Platz dem Trainer beispringen können. Das hat sie aber nicht. Müßig, hier zu diskutieren, ob dies an spielerischem Unvermögen, mangelhafter Aufstellung oder gar böser Absicht erfolgte. Ein paar Tage später war Herrlich jedenfalls weg; einen wichtigen Beitrag dazu haben die Spieler geleistet, in dem sie sich beim Vorstand über den Führungsstil des Trainers beschwerten. So hatte Herrlich von einem Spieler verlangt, während des Trainings Schienbeinschoner zu tragen.

Herrlichs Auftreten war falsch. Folgerichtig musste er gehen. Denn mit der öffentlichen Schelte des Sportjournalismus im Allgemeinen und der Bildzeitung im Besonderen hat er das Geschäftsmodell des eigenen Arbeitgebers infrage gestellt. Das hängt maßgeblich von Sponsoringeinnahmen ab; und für Sponsoren ist es wichtig, in den Medien präsent zu sein.
Im Fußball zählt halt nun mal der Erfolg. Dabei ist es richtig, das ein schlechter Tabellenplatz nicht automatisch bedeutet, dass schlecht gearbeitet wird – einige Niederlagen waren unglücklich. Doch in Herrlichs Ausführungen kann man ebenso Aufrichtigkeit wie Rechthaberei hinein deuten. Er hätte besser geschwiegen. Leider.
Eins zeigt der Fall deutlich: Über das Internet kann man mittlerweile viele Dinge unmittelbar verfolgen. Das erfordert neue Strategien, um mit wichtigen Zielgruppen richtig zu kommunizieren.

Links
Bericht auf Bildblog.de
Interview in der Süddeutschen
Video: Pressekonferenz vor dem Spiel (Zitate ab Minute 7:48)
Video: Herrlich legt sich mit Reportern an

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