Die W-Fragen gehen ins Theater

Wem schon mal das Schreiben von Pressemeldungen professionell näher gebracht wurde, der hat sie gleich zu Beginn kennengelernt: die W-Fragen. Sie heißen was, wer, wo, wann, wie und warum. Durch die Antworten wird dem Leser ermöglicht, eine Nachricht zu verstehen. Auch im Theater gibt es eine Richtung, die diese Technik einsetzt: das Improvisationstheater. Hier gehen die Spieler auf die Bühne, ohne dass zuvor eine Handlung abgestimmt oder gar ein Text gelernt wurde. Es gibt verschiedene Variationen. Bei einigen Spielen werden Vorgaben aus dem Publikum geholt. Dann gibt es zum Beispiel eine Antwort auf die Wo-Frage; oder die Beziehung zwischen den Spielern wird gesetzt (Vater-Sohn, Lehrerin-Schüler).

Letzteres Beispiel zeigt schon, dass die W-Fragen hier ein wenig anders lauten. Am Anfang der Szene sollten die Spieler folgende Fragen klären: Wer bin ich? Wer ist mein Gegenüber? Wie stehen wir zueinander? Wo sind wir? Was machen wir?
Das nennt sich Plattform, und auf einer stabilen Plattform können sich schöne Szenen entwickeln. Anschließend muss die Handlung in Gang kommen. Dazu macht ein Spieler Angebote, wie es weitergehen kann. Nimmt sein Partner passende Ideen an, entwickelt sich die Szene weiter – oft mit überraschenden Wendungen, Gefühls- und Tempowechseln.

Das muss aber nicht sein, denn Impro-Theater, das ist auch die Freude am Scheitern. Eine Erfolgsgarantie für eine gelungene Szene gibt es nie. Ein beliebter Fehler ist das „Blocken“. Ein solcher Dialog könnte folgendermaßen aussehen:

Vater: „Willst du ins Kino?“ Sohn: „Nein.“
Vater: „Willst du in den Zoo?“ Sohn: „Nein.“
Vater: „Willst du ein Eis?“ Sohn: „Nein.“

Das ist weniger hübsch anzuschauen. Aber keine Angst: In dieser Deutlichkeit bekommt man das nur in Anfängerkursen zu sehen. Das Publikum liebt Spieler, die Szenen mit originellen Ideen vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit retten und so ihre Partner unterstützen. Das habe ich kürzlich bei der Wahl des Publikumslieblings im Rahmen der Kölner Improfestivals aus nächster Nähe beobachtet – nämlich von der Bühne aus. Der Sieger wurde für seine Kooperationsbereitschaft belohnt: Er rettete mit beherzten Ideen so manche Szene vor dem Abrutschen ins Triviale. Meinen eigenen Auftritt verbuche ich übrigens unter der Rubrik: „Freude am Scheitern“.

Eine Glaubensfrage trennt die Improspieler. Die einen verstehen sich zuvörderst als Comedians: Das Publikum soll unentwegt lachen. In dem Fall werden gerne Vorgaben wie Wollust oder Sexshop genommen. Das andere Lager findet es weniger witzig, wenn am Ende eine schlüpfrige Bettszene herauskommt, und setzt auf längere Erzählformen; dabei wird bewusst auf einige Lacher verzichtet.

Für die Spieler haben die Bettszenen einen großen Vorteil: Verlauf und Ende sind „sicher“ zu spielen. Es ist schnell klar, was passiert und wenn es an der Zeit ist, die Hüllen fallen zu lassen, wird das Bühnenlicht dunkel. Diese Sicherheit macht die Handlung für die Spieler attraktiv, die zunehmenden Lacher im Publikum scheinen den Erfolg zu bestätigen. Dabei ist das Improvisationsspiel ja gerade der Verzicht auf Sicherheiten. Deswegen sind die langen Erzählungen viel spannender anzusehen, gerade weil an der einen oder anderen Stelle der Spielfluss holprig ist.

Auf die W-Fragen können jedoch beide Formen nicht verzichten; wenn Sie das mal auf der Bühne erleben wollen, besuchen Sie eine Impro-Gruppe in ihrer Nähe – oder besser noch: Spielen Sie gleich mit.

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