Herr Johnstone und Herr Surowieki purzeln übereinander

Die Straße ist meschenleer – zwei gut gekleidete Herren gehen aufeinander zu. Sie sehen sich und senden Signale in ihrer jeweiligen Körpersprache aus; sie versuchen zugleich, die Signale des Anderen zu empfangen. Bei der Annäherung sind sich beide sicher, dass sie mit einem kleinen Ausweichmanöver elegant aneinander vorbeikommen.

[audio: https://ronaldpabst.files.wordpress.com/2012/01/2010-01-johnstone-surowiecki1.mp3%5D

Herr Surowieki vertraute dabei auf die Weisheit der Vielen, Herr Johnstone ist ein intimer Kenner der Körpersprache eines Menschen. Er urteilte aufgrund seiner Kenntnisse der Statussignale, die ein Mensch ausstrahlt.
Was dann passierte, konnte ich nicht genau beobachten. So viel ist sicher: Beide taten etwas, um unfallfrei voranzukommen. Aber offensichtlich das Falsche, denn am Ende lagen beide im Schneematsch der Hohen Straße in Köln. Ausgerechnet die Köpfe waren zusammengestoßen. Bei Autoren ist der doch gerade das wichtigste Körperteil.

Die Weisheit der Vielen?

In seinem Buch „Die Weisheit der Vielen“ behauptet Surowieki, dass Menschen schlauer sind, wenn sie in großen Haufen auftreten und per freier Entscheidung agieren. Das sieht er in dem Verhalten, dass unsere Spezies in Fußgängerzonen an den Tag legt. Tausende wühlen sich durch zu ihren unterschiedlichen Zielen, ohne sich dauernd umzurennen. Wie, so sagt Surowieki, könne dies möglich sein, wenn nicht durch eine kollektive Intelligenz? Im englischen Original klingt das so: „Pedestrians are constantly anticipating each ohter’s behaviour. No one tells them where or when or how to walk. Instead, they all decide for themselves what they’ll do based on their best guess what everyone else will do. And somehow it works out well. There is a kind of collective genius at play here.”
Das ist eine schöne Geschichte, sie hat nur einen kleinen Haken. Sie stimmt nicht. Zunächst mal habe ich bei meinem Spaziergang durch die Hohe Straße an diesem Nachmittag ganz und gar nicht das Gefühl, dass hier irgendetwas „works out well“, schon eher fühle ich mich so, als ob es „works out hell“. Aber egal, dass ist gar nicht der Punkt. Selbstständlich ist das Ausweichen keine Handlung, die aufgrund freier Entscheidung gefällt wird. Sie wird vielmehr aufgrund von Macht und Status getroffen.

Macht und Status ersetzen die Weisheit
Der andere Herr mit schmerzendem Kopf drückt das so aus: „Meiner Meinung nach suchen sich die beiden nach Statussignalen ab. Der mit dem geringeren Status wird ausweichen. Wenn beide sich für gleich halten, weichen beide aus, derjenige, der an der Häuserwand entlang geht, hat jedoch die stärkere Position. Wenn beide meinen, er sei dem anderen überlegen, geschieht etwas Merkwürdiges. Sie gehen aufeinander zu, bis sie sich gegenüberstehen, und dann veranstalten Sie eine Art Ausweichtänzchen, während sie verlegenene Entschuldigungen murmeln. Wenn einem eine kleine, alte, halbblinde Dame begegnet, kommt es nicht zu so einem Tänzchen. Man macht ihr Platz.“
Das Ausweichen ist demnach ein Machtspiel, deswegen sind wir auch so gestresst, wenn wir durch Fußgängerzonen gehen – permanente Rangkämpfe, sinnlos obendrein. Offensichtlich Schwächere lassen wir jedoch unbehelligt passieren, das gebietet der Anstand.
Darüber schreibt Johnstone in seinem Buch „Theater und Improvisation“: Es ist ein Klassiker für die Anhänger des von ihm erfundenen Theatersports. Dort zeigt er unter anderem auf, das Menschen unterschiedliche Statussignale aussenden: Sie lassen sich auf einer Rangordnung nach „hoch“ und „tief“ ordnen. Also nicht etwa nach „klug“ und „dumm“,“gut“ und „schlecht“ oder gar „reich“ und „arm“. So kann ein Straftäter statushöher als sein Richter auftreten. Das wird ihn aber nicht vor einer Verurteilung schützen, aber die Zuschauer im Gericht werden an der einen oder anderen Stelle schmunzeln, wenn er den Richter vorführt –  was ihm sogar eine höhere Strafe einbringen kann.
Fazit

Unser Verhalten in der Menge wird wohl von alten Instikten gesteuert und trägt zur Ordnung in der Gesellschaft bei. Es gibt intuitive Regeln, die uns helfen, dabei auch noch gut auszusehen. So einfach ist das: keine Schwarm-Intelligenz, aber ein Verhalten wie in einem Fisch- oder Vogelschwarm. Aber diese Lebewesen kommen mit viel kleineren Gehirnen aus und schaffen dabei sogar kompliziertere Manöver in drei Dimensionen.
Haben Sie schon einmal Zugvögel zusammenstoßen sehen?
Im Übrigen haben beide Autoren denn Vorfall gut überstanden und stehen nun friedlich nebeneinander – in meinem Bücherregal.

Herr Johnstone und Herr Surowieki purzeln übereinander

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