Web Bla Null

Stellen Sie sich vor, Sie wären damit gestraft, zeitgleich allen Gesprächen zu lauschen, die weltweit geführt werden. Das ist doch eine grausame Vorstellung. Und ihre Realisierung rückt näher: Denn mit einem Internetzugang können Sie jederzeit teilhaben an den vielen Gesprächen, die tagtäglich stattfinden. Hier ein paar Auszüge.

Das Internet belebt die Demokratie
Es lassen sich leicht Belege dafür finden, dass das Internet die öffentliche Debatte belebt und damit die Demokratie stärkt. So gingen Bilder um die Welt, die den Tod einer jungen Frau zeigen sollen, die Opfer der Auseinandersetzungen um die Fälschungen der Wahl im Iran waren. Die Bilder schreckten die Welt auf: Aufgeklärte Muslime kämpften unter dem Motto „Where is my vote?“ gegen feige Fundamentalisten für die Demokratie. Ohne das Web wäre uns viel davon verborgen geblieben. Aber die Machtfrage wurde zugunsten der Unterdrücker entschieden, denn die Tastatur ist schwächer als das Schwert. Das ist zumindestens der Zwischenstand.
Informationen in „Echtzeit“
Es ist aufregend, live am Geschehen teilzunehmen. Das passierte mir, als ich den Link auf ein Youtube-Video zugeschickt bekam: Ein Polizist schlug einem friedlichen Teilnehmer einer Demonstration für Datenfreiheit mitten ins Gesicht. Viele andere bekamen den Link auch und sendeten ihn weiter: Der Schneeball erreichte etablierte Medien wie Spiegel-online. Nachdem diese das Thema aufnahmen, wurden Disziplinarmaßnahmen eingeleitet. Und indem ich den Link weiterleitete, habe ich meinen Teil dazu beigetragen, dass das Gute gesiegt hat.
Nicht ganz so eindeutig verlief die Auseinandersetzung des Bloggers Baade gegen den Sportartikler Jako. Wohl an die 400 Leute hatten einen an Schmähkritik erinnernden Kommentar des Bloggers über das Logo der Firma gelesen, als die Rechtsabteilung des Hauses eingriff und eine Abmahnung sandte. Diese beglich Baade, um dann sofort eine weitere zu erhalten. Seine Äußerung war noch auf Suchmaschinen nachzulesen, die ja die Inhalte von Webseiten gerne in einen „Cache“ genannten Speicher kopieren.
Diese zweite Abmahnung wiederum empörte die Webgemeinde, worüber die Medien berichteten. Die Firma hatte einen Imageschaden, denn weit mehr als 400 Leute stellten sie nun in eine Reihe mit den zwielichtigen Juristen, die sich durch Abmahnungen ihr täglich Brot verdienen. Das Ende vom Lied: In einer Pressemitteilung verlautbarte der Vorstandsvorsitzende: „Wir haben ganz offensichtlich überreagiert.“
Um es klarzustellen: Natürlich sollte sich eine Firma gegen Schmähkritik wehren, aber es muss nicht immer gleich ein Schuss aus der juristischen Kanone auf einen elektronischen Spatz abgegeben werden.
Die Schattenseite: Der User ist feige
Nehmen wir als Beispiel das Fanforum eines Fußballvereins aus dem Ruhrgebiet, der sich gerade redlich bemüht, dem längst abgestreift geglaubten Image der „Grauen Maus“ wieder gerecht zu werden. Bereits im Januar gab es eine heftige Debatte, die von Christoph Schurian im lesenswerten Blog Ruhrbarone kritisch kommentiert wurde.
„Auch früher gab es Nörgler, Krakeler, Besserwisser im Fußball –  und das nicht zu knapp. Die haben sich auf Fan-Versammlungen, an Stammtischen, in Leserbriefen und beim Gebrülle im Stadion ausgetobt. Und sonst war Sendepause. Doch jetzt können das sich um Erfolg und Siege betrogen fühlende Fußballfans sekündlich tun. Weltweit lesbar.“ Weiter schreibt er: „Denn der User äußert sich im Netz als Pseudonym, als Unperson, als Fantasiefigur. Klarname und Adresse gibts nicht. Die Anonymität des Internets ist nun nicht zu ändern. Sie gehört zur Faszination und zu den Freiheiten im Netz. Doch die Wirkung der Pseudonymen geht leider weit über den Diskurs im Internet hinaus.“
Merkwürdige Motive von Halb-Analphabeten
Manch ein Beitrag verdankt seine Entstehung gewisser Eigenarten des Internet, etwa der Tatsache, dass sich elektronische Transaktionen so herrlich zählen lassen. Das gilt auch für Beiträge, die in Foren radegebrochen werden. So kann man sich im angesprochenen Fan-Forum vom „Zuschauer“ über weitere Stufen, die etwa „Bankdrücker“, „Stammspieler“ oder „Nationalspieler“ heißen, bis zur „Lebenden Legende“ hocharbeiten. Dafür braucht man allerdings mindestens 2001 „Posts“. Und schon Stalin lehrt uns, dass der Zweck die Mittel heiligt. Auf die Anwendung der Rechtschreibung oder ein Mindestmaß an Inhalt zu verzichten, ist ein großer Schritt hin zum Ziel, spart es doch viel Zeit. Und wer möchte keine „Lebende Legende“ werden?
Das erklärt die notorischen Viel- und Schlechtschreiber, die offenbar viel Zeit haben, um viele Foren und Kommentarfunktionen zu überschwemmen. Hendryk M. Broder schrieb nicht ganz zu Unrecht vom Internet als einem Medium „voller Loser, Bruchpiloten und Halb-Analphabeten“. Wem das zu hart formuliert ist, der möge bitte mal die Kommentare zum Artikel „Die S-Bahn-Schläger müssen hart bestraft werden“ auf welt.de lesen. Sie lesen sich oft wie die Äußerungen von Besoffenen am Stammtisch; nur dass dieses Geschwätz in der Regel am anderen Tag verhallt ist. Das Internet vergisst nie.
Und nicht jeder Meinungswelle, die so erzeugt und verstärkt wird, sollte man sich beugen. Schurian: „So werden Tag für Tag in der Print-WAZ Meinungen von ‚derwesten‘-Besuchern abgedruckt, die dann ‚tom 0815‘ oder ‚hirschkuh‘ oder sonstwie heißen. Müssen klassische Leserbriefverfasser Name und Adresse haben, um zu erscheinen, wird der im Schutze des ‚www‘ agitierende pseudonyme Meinungsfreund abgedruckt und aufgewertet. Mir macht das Angst. Ich will nicht, dass die ‚meichis‘, ‚emsis‘, dass ‚hirschkuh‘ oder ‚tom0815‘ Meinung machen. Nicht im Fußball, nicht in der Politik, nicht in der Gastronomie, nicht in der Musik, nirgends. Wer eine Meinung hat, muss mehr zu bieten haben als einen Usernamen.“
Moderation und Zensur
Abhilfe für die Kommentarfunktion einer Webseite heißt „Moderation“: richtig ausgeführt ist das die Löschung all derjenigen Beiträge, die gesunden Menschenverstand vermissen lassen. Da aber der gesunde Menschenverstand schwer zu definieren ist, versucht man es mit Regeln. Über deren Auslegung kann man sich herrlich streiten, das erfahre ich ab und an von einem stressgeplagten Entscheider, der auf der Plattform abgeordnetenwatch.de in solche Diskussionen verwickelt wird. Denn das Wort Moderation schreibt sich für so manchen mit Z – wie Zensur, wenn jemand Sätze streicht wie „Das Grundgesetz ist ein Ar—loch“. Schade eigentlich, denn es steht doch Vieles im Web, das einfach gelöscht gehört.
Der Tiefpunkt dieses Artikels – und was wir Erstaunliches daraus lernen können
Er stammt von Youtube-User „damnk***e“, der das Video einer jungen Frau folgendermaßen kommentiert: “raus mit ihr… sie is einfach hässlich und dumm… in natura NOCH schlimmer als im netz… auch wenn das unmachbar scheint… keiner konnt sie leiden und kann es bestimmt immer noch nich… sie is einfach dumm und hässlich hat kein plan hat n sprachfehler labert immer scheisse und denkt sie is besser als andere so dumm die BIATCH“.
Erstaunlicherweise stört sich die junge Frau nicht an dem menschenverachtenden Kommentar. Denn sie könnte ihn natürlich löschen – mit nur einem Klick. Und dann den Besucher blockieren, so dass er auch nicht mehr wiederkommen kann. Klick und Weg. Aber sie lässt das Geschmiere stehen. Mir gegenüber begründete sie es damit, dass sie die Kommentare nicht stören. Dass sie die Meinung anderer widerspiegeln und sie halt eine andere Meinung hat. Hier spricht ein anderer Umgang mit dem Medium Internet. Einer schriftlichen Äußerung wird nicht mehr Bedeutung beigemessen als einem Schulhofgespräch.
Zwischenfazit: Im Netz stehen originelle Inhalte neben Abmahnungs- und löschwürdige Äußerungen – letztere entstehen oft aus einer sicher geglaubten Anonymität.
Dabei verbreiten sich Informationen mitunter rasend schnell.  Traditionelle Medien nehmen solche gerne auf; dann bekommen die Internetbewegungen die Kraft, reale Veränderungen auszulösen. Letzlich muss der Leser entscheiden, welchen Informationen er vertraut und an welchen Stellen er die Debatte sucht – gerade Entscheidungsträger sollten hier Vorsicht walten lassen. Und schon jetzt kann man viel Zeit damit verbringen, diesem globalen Netzrauschen zuzuhören. Es lohnt sich nicht immer.

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